Der sich im Behandlungskonzept anschließende kognitive Regelaufbau führt die im Phonemstufenaufbau gesicherte Mitsprechstrategie fort, muss sogar darauf aufbauen. Der Silbensegmentierung, die die Sprechbarkeitseinheiten im Wort erkennen lässt, folgt die Gliederung in Bedeutungseinheiten Morphemsegmentierung, sobald die Fähigkeit entwickelt ist, das Hauptmorphem isolieren zu können, werden übergeordnete Ableitungsstrategien eingeführt und trainiert.
In der Therapiephase des Regelaufbaus ist es wichtig, das Signalempfinden des Kindes für Abweichungen von der Lauttreue zu erhöhen. Außerdem ist es ein bedeutsames Therapieziel, beim Kind einen selbstständigen Umgang mit seinem LRS-Problem und ein Bewusstsein für die eigenen Stärken und Schwächen zu entwickeln. Der gesamte Aufbau des Phonemstufen- und Regelbereiches ermöglicht es dem Kind, ca. 90% der deutschen Schriftsprache sicher zu erfassen.
Die verbleibenden 10% sind dem nicht mehr abzuleitenden Speicherbereich zuzuordnen. Bei der Erarbeitung dieses Teils ist zu berücksichtigen, wieweit die allgemeine Schriftsprachentwicklung im Verlauf der Therapie vorangeschritten ist und ob eine eigenständige Lesemotivation aufgebaut werden konnte. Beim Training der Speicherwörter müssen Abweichungen von der Lauttreue, die nicht durch eine Regel erklärbar sind, auswendig gelernt werden. Dabei ist die zuvor trainierte Morphemsegmentierung hilfreich,, denn Wortfamilien – beispielsweise mit Dehnungs-h – werden immer gleich geschrieben.
Die therapeutische Begleitung unterstützt die Selbstständigkeitsentwicklung und fördert somit das Selbstwertgefühl des Kindes. Durch vielfältige konkrete Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Sprache erkennt das legasthene Kind Gesetzmäßigkeiten und Strukturen der Schriftsprache und erhöht so seine Lese- und Rechtschreibkompetenz. Diese Fähigkeiten sind ohne systematische Hilfe nicht zu erlangen; denn ein intuitives Erfassen gelingt dem legasthenen Kind kaum.
Das in mehreren wissenschaftlichen Studien (Reuter-Liehr 1993, 2001; Weber/Marx/Schneider 2002; Klicpera et al. 2004) überprüfte Behandlungskonzept „Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung“ nach Reuter-Liehr (Bd. I-V Bochum, Dr. Winkler Verlag 2006) hat den bisher besten Wirksamkeitsnachweis erbracht.
Besonders erfreulich ist, dass sich nun auch die Nachhaltigkeit in einer Follow-up-Studie, (durchgeführt von Frau Dipl. Psych. Unterberg) am Psychologischen Institut der Universität Göttingen bei Prof. Hasselhorn nachweisen ließ .
Die durchgeführte Studie (Unterberg 2005/Reuter-Liehr 2007) hat mit drei Testzeitpunkten, Vortest (vor Beginn der Therapie Ø TW 33,6) Nachtest (am Ende der Therapie Ø TW 52,2) und Follow-up (Ø 3,02 Jahre nach Abschluss der Therapie, TW 46,7) den Wirksamkeitsnachweis erneut erbracht. Die erzielte Effektstärke von d = 1,69 ist als groß einzustufen. Die untersuchten Probanden hatten durchschnittlich 81,65 Therapiestunden absolviert. Es flossen aber auch Therapieabbrüche mit in die Studie ein, so dass im verfügbaren Therapiezeitraum nicht das gesamte Behandlungskonzept bei allen Probanden durchgeführt werden konnte. Bei einer zweiten Follow-up-Testung mit einem Rechtschreibtest, der eher dem Trainingsaufbau entspricht, erreichten die Probanden im Durchschnitt TW 51,47 was den Testergebnissen der Nachtests am Ende der Therapie sehr nahe kommt. „Die Ergebnisse dieser Studie lassen (allerdings) den Schluss zu, dass eine Therapie auf Basis des sprachsystematischen Förderkonzeptes nach Reuter-Liehr zu einem stabilen Aufbau der Rechtschreibfähigkeit führen kann und dass sie die Wahrscheinlichkeit einer positiven Schul- und Berufslaufbahn erhöht. Somit stehen die Ergebnisse in einem erfreulichen Gegengewicht zu den meisten Studien, die die langfristige Entwicklung von Kindern mit LRS beleuchten.“ (Unterberg, Winkler Verlag, Bochum 2005, S. 98-99)
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